Zum Hauptinhalt springen
Four-Seasons-Maldives_Korallenzucht

Korallenriffe am Limit: Was die Klimakrise für die Malediven bedeutet

Türkisfarbenes Wasser, weiße Sandstrände und Korallengärten voller Leben prägen das Bild der Malediven. Doch unter der Wasseroberfläche wächst der Druck auf eines der wichtigsten Ökosysteme des Inselstaates. Die Weltmeere werden wärmer, marine Hitzewellen treten häufiger auf und Korallen geraten zunehmend an ihre Belastungsgrenzen. Eine neue globale Bewertung der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature) zeichnet ein alarmierendes Bild.

96 Prozent der Riffökosysteme gelten als kritisch gefährdet

Die Ende Oktober 2026 vorgestellte neue Analyse umfasst alle Korallenriff-Ökosysteme in warmen, flachen Gewässern, es wurden 127 tropische und subtropische Korallenriffregionen untersucht. Berücksichtigt wurden der gegenwärtige Zustand der Ökosysteme und die erwarteten Auswirkungen des Klimawandels auf die Riffe. Während heute rund 24 Prozent der untersuchten Riffregionen als kritisch gefährdet eingestuft werden, steigt der Anteil unter Berücksichtigung der künftigen Klimarisiken auf 96 Prozent. Die Wissenschaftler sehen für nahezu alle tropischen und subtropischen Flachwasser-Korallenriffe ein extrem hohes Risiko, bis zum Jahr 2075 zusammenzubrechen. Die Grundlage für die Zukunftsprojektion ist ein mittleres Klimaszenario, das bis zum Ende des Jahrhunderts von einer globalen Erwärmung um rund 2,7 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau ausgeht.

Die Malediven: Ein Archipel in Abhängigkeit von gesunden Riffen

Für die Malediven haben Korallenriffe eine Bedeutung, die weit über den Naturschutz hinausgeht. Sie bieten Lebensraum für zahlreiche Fischarten, tragen zur Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung bei und bilden eine wesentliche Grundlage für den Tourismus. Zugleich bremsen sie die Kraft der Wellen und schützen die flachen Inseln vor Erosion. Auch der weiße Sand vieler Strände entsteht zu einem großen Teil aus den Überresten von Organismen, die im Riff leben.

Wie verletzlich dieses Ökosystem ist, zeigte bereits die Korallenbleiche von 1998, auf die mehrere Bleicheereignisse folgten. Eine Analyse, die das UN-Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien und den Pazifik (ESCAP) im Juni 2026 veröffentlichte, geht bei einem mittleren Klimaszenario bis zur Mitte des Jahrhunderts davon aus, dass rund 36 Prozent der Riffgebiete einem moderaten Hitzestress ausgesetzt sind. Für den Zeitraum 2061 bis 2080 erwartet die Analyse, dass sich die Belastung erhöht und große Teile der Riffe in mittlere bis hohe Risikokategorien fallen. Besonders südliche und zentrale Atolle, darunter Gaafu-Dhaalu und das Gaafu-Alifu-Atoll, werden als zunehmend gefährdet beschrieben.

Korallenbleiche 2024: Massive Verluste – und Hoffnung im Süden

Wie unterschiedlich sich die Belastung innerhalb des Archipels der Malediven auswirkt, zeigte eine im März 2026 in der Fachzeitschrift Coral Reefs veröffentlichte Studie. Ein Forschungsteam untersuchte 18 Riffe in zentralen und südlichen Atollen der Malediven und verglich ihren Zustand vor und nach der globalen Korallenbleiche von 2024.Die Ergebnisse sind deutlich: In den zentralen Atollen ging die Besiedlung der Riffe mit lebenden Hartkorallen im Durchschnitt um mehr als 40 Prozent zurück. An einem untersuchten Lagunenriff im Ari-Atoll erreichte die Sterblichkeit 57 Prozent.

Im südlichen Huvadhoo-Atoll wurde dagegen keine messbare Korallensterblichkeit festgestellt, die Korallenbedeckung hatte sogar zugenommen. Je nach Rifftyp betrug der Zuwachs zwischen zwölf und 23 Prozent. Die Autoren sehen darin Hinweise auf eine hohe Widerstandsfähigkeit und Regenerationsfähigkeit der untersuchten südlichen Riffe.

Das Ergebnis ist ermutigend, darf aber nicht überinterpretiert werden. Untersucht wurden 18 Riffe, nicht sämtliche Korallenbestände der Malediven. Die Widerstandsfähigkeit der südlichen Riffe bedeutet auch nicht, dass sie dauerhaft vor den Folgen der Erwärmung geschützt sind. Sie zeigt jedoch, dass die Auswirkungen von Hitzewellen regional sehr unterschiedlich ausfallen und lokale Umweltbedingungen sowie zusätzliche menschliche Belastungen eine wichtige Rolle spielen.

Was Resorts zum Schutz der Korallenriffe beitragen

Von den meisten Resortinseln auf den Malediven und den dort ansässigen Tauch- und Schnorchelzentren werden die Riffe heute nicht nur als touristische Attraktion gesehen, sondern als empfindliches Ökosystem, dessen Schutz im eigenen Interesse liegt. Viele Resorts engagieren sich inzwischen mit eigenen Projekten für den Schutz der Korallenriffe. Die beiden Four Seasons Resorts Maldives at Landaa Giraavaru und at Kuda Huraa, die gerade erst für ihr Engagement im Meeresschutz ausgezeichnet wurden, arbeiten seit Jahren mit dem Meeresschutzunternehmen Reefscapers zusammen. In der Korallenbleiche von 2024 wurden rund 28.000 Korallen in tiefere, kühlere Gewässer umgesetzt. Das The St. Regis Maldives Vommuli Resort meldete im Januar 2026, dass das Resort 300 Korallenrahmen mit mehr als 16.800 Korallenfragmenten an vier Standorten installierte. Besonders bemerkenswert: Die ältesten Korallenkolonien haben inzwischen ein Alter erreicht, in dem sie selbst als Spender für neue Fragmente dienen können. Nach Angaben des Resorts lag die durchschnittliche Überlebensrate der Korallen an den Wiederherstellungsstandorten ein Jahr nach der Bleiche von 2024 bei 91 Prozent.

Beim JOALI Maldives auf Muravandhoo wurden nach Angaben des Resorts inzwischen mehr als 11.000 Korallenfragmente in verschiedenen Aufzuchtsystemen kultiviert; rund 1.500 davon wurden bereits auf geeignete Bereiche des Hausriffs verpflanzt. Das hauseigene Marine Lab überwacht Wachstum und Zustand der Korallen. Gäste können über Patenschaften und eigene Pflanzaktionen einen Beitrag leisten und erhalten anschließend regelmäßige Informationen zur Entwicklung ihrer Korallen.

Solche Projekte können geschädigte Riffbereiche unterstützen, Lebensräume schaffen und das Wissen über die örtlichen Ökosysteme erweitern. Sie ersetzen jedoch nicht den Klimaschutz: Wenn die Wassertemperaturen dauerhaft steigen und Hitzewellen häufiger werden, geraten auch restaurierte Korallenbestände unter Druck. Langfristig wirksam werden die Initiativen deshalb vor allem dann, wenn sie wissenschaftlich begleitet, transparent ausgewertet und mit dem Schutz der natürlichen Riffe sowie einer konsequenten Verringerung der Treibhausgasemissionen verbunden werden.

Was sich schützen lässt

Die globale IUCN-Bewertung ist kein Aufruf zur Resignation. Vielmehr soll sie verdeutlichen, wie viel auf dem Spiel steht – und dass Schutzmaßnahmen einen Unterschied machen können. Entscheidend bleibt die Verringerung der Treibhausgasemissionen. Lokale Projekte können die Erwärmung der Meere nicht aufhalten, aber sie können die Widerstandsfähigkeit von Riffen stärken. Wichtig sind auch die Wiederherstellung geschädigter Riffe und die langfristige wissenschaftliche Überwachung. Auf den Malediven besteht bereits ein nationales Korallenriff-Monitoringprogramm; zusätzlich engagieren sich lokale Initiativen und die Tourismusbranche für Korallenaufzucht und Riffschutz. Es ist eine gute Investition in die Zukunft der Inseln, ihrer Bevölkerung – und einen einmaligen Naturraum.